sametoyou
sametoyou
Erich Fried
Aber solange ich atme
Auch was
auf der Hand liegt
muß ich
aus der Hand zu geben
bereit sein
und muß wissen
wenn ich liebe
daß es wirklich
die Liebe zu dir ist
und nicht nur
die Liebe zur Liebe zu dir
und daß ich nicht
eigentlich
etwas Uneigentliches will
Aber
solange ich atme
will ich
wenn ich den Atem
anhalte
deinen Atem
noch spüren
in mir
Auf der Heimfahrt nach Ithaka
Zwischen Niewieder
und Immerwieder
das Glück
oder das
was ihm ähnlich sieht
was zurückweicht
beim Näherkommen
aber winkt
als gäbe es es
(als gäbe es dich
als gäbe es mich
als gäbe es
ein Uns-einander-Geben)
Es ist natürlich
leicht erkennbar
als Unglück
aber nur
sekundenlang
nur mit aufgerissenen Augen
die noch brennen
nach einem Blick
auf das Glück
Franz Josef Degenhardt
Tante Th´rese
Deine Schwestern, Tante Th´rese,
waren sämtlich hübsch und grad.
Du warst dafür der Tribut, an
die Dämonenwelt gezahlt.
Dich mit deinen Flammenhaaren,
deinem Feuermal am Kinn,
den unendlich großen Füßen,
nahmen sie als Fügung hin.
Hocktest meistens in der Küche,
hast die Mahlzeiten gemacht.
Und du spültest ihre Schüsseln
während ihrer Hochzeitsnacht.
Du saß´t stundenlang an Wiegen,
summtest, horchtest auf den Wind
und warst selig, wenn sie sagten,
diesmal wäre es dein Kind.
Man ertrug dich, ließ dich leben,
durftest auch vor Türe gehn.
Selbst den Tick an Fronleichnam
haben sie dir fast verziehn. -
War das ehrlich oder Rache,
wenn du die Gardine nahmst,
sie um Kopf und Schultern legtest,
so zur Prozession rauskamst?
Ob man dich auch schlug und einschloß,
spätestens an der Station
in Doktor Stratmanns Blumengarten
knietest du, wenn wir kamen, schon.
Sangst voll Inbrunst Litaneien
oder auch ein Weihnachtslied.
Alle lachten. Doch der Pfarrer
kam zu dir und sang laut mit.
Ja, Tant´Th´rese, deine Schwestern
sind nicht mehr auf dieser Welt.
Ihre Kinder, kühl und freundlich,
zahlen jetzt ein Pflegegeld.
Deren Kinder nämlich - heißt es -
hätten vor dir große Angst,
vor dir, die du allen Kindern
nachts die Angst nahmst, wenn du sangst.
Auch der Pfarrer ist nicht weise,
so, wie es der alte war.
An Fronleichnem treten leise
dicke Männer zum Altar
in Doktor Stratmanns Blumengarten,
drehen dich ganz sanft herum
und bringen dich in der Gardine
zurück ins Sanatorium.
Ja, Tan´t Th´rese, ist schon richtig:
Früher, das ist lange her.
Wie du aussiehst - die Gardine - ,
das darf heute keiner mehr.
Ja, ja, auch der Schnee ist anders,
nicht so weiß wie früher mal.
Herr, erlöse dich und andre
hier aus diesem Jammertal.
Rose Ausländer (1901-1988)
Dich lieben, Lieb ist mehr als Lust und Leid.
Von dir geliebt sein ist ein Schöpfungsakt
urhafter Einung der Verschiedenheit
in eine Strahlung, einen Rhythmentakt.
Erschüttert sucht mein Geist nach einem Bild,
dich darzustellen, wie du Liebe bist.
Doch alles Sein ist so von dir erfüllt,
daß keine Sprache deine Räume mißt.
Nun kann mein Leib in einer Wüste sein:
Mein Herz birgt Wälder deiner Üppigkeit,
und Quellen müssen springen aus dem Stein,
gesprengt vom Herzschlag unsrer Zweisamkeit!
I
Du legst dein Licht in allen Farben
um meine weiße Einsamkeit.
Ich fühle sie an meinen Narben
wie Balsam einer leichten Zeit.
Die Rosen starben meinem Leben,
das sich verschloß vor jeder Hand.
Da kommt dein reines, reiches Geben
in mein verschollnes Trauerland.
Du krönst mein Leid mit Sterndemanten,
und Sonnen deiner jungen Glut
entzünden wieder rot mein Blut.
So ist vielleicht das Blühn entstanden:
Von Gott geküßt, im Ding entbrannt,
und von den Engeln Licht genannt.
Christian Morgenstern
Der Schaukelstuhl
auf der verlassenen Terasse
Ich bin ein einsamer Schaukelstuhl
und wackel im Winde,
im Winde.
auf der Terasse, da ist es kuhl,
und ich wackel im Winde,
im Winde.
Und ich wackel und nackel den ganzen Tag.
Und es nackelt und rackelt die Linde.
Wer weiß, was sonst wohl noch wackeln mag
im Winde,
im Winde,
im Winde.
~~~~~~~~
Das Knie
Ein Knie geht einsam durch die Welt.
Es ist ein Knie, sonst nichts!
Es ist kein Baum! Es ist kein Zelt!
Es ist ein Knie, sonst nichts.
Im Kriege ward einmal ein Mann
erschossen um und um.
Das Knie allein blieb unverletzt -
als wärs ein Heiligtum.
Seitdem gehs einsam durch die Welt.
Es ist ein Knie, sonst nichts.
Es ist kein Baum, es ist kein Zelt.
Es ist ein Knie, sonst nichts.
~~~~~~~~
Möwenlied
Die Möwen sehen alle aus,
als ob sie Emma hießen.
Sie tragen einen weißen Flaus
und sind mit Schrot zu schießen.
Ich schieße keine Möwe tot,
ich laß sie lieber leben -
und füttre sie mit Roggenbrot
und rötlichen Zibeben.
O Mensch, du wirst nie nebenbei
der Möwe Flug erreichen.
Sofern du Emma heißest, sei
zufrieden, ihr zu gleichen.
~~~~~~~~~~
Christine Lavant
Mein Schatten kann über Wasser gehen,
wenn Mond oder Sonne nur richtig stehen,
mein Schatten glänzt dann am Scheitel.
Dieses Glänzen ist feilich bloß eitel
und kann nichts erwärmen, nie leibhaftig sein,
doch manchmal verdankt ihm ein einfacher Stein,
dass er silbern erstrahlt vor den andern.
Mein Schatten geht selbständig wandern,
auch oft in der Nacht aus dem untersten Traum,
mich hängt er dann so wie ein Pferd an den Baum
des Schlafes und läßt mir kein Futter.
Ich schreie um Vater und Mutter,
auch um die Geschwister und um den Tod,
doch bringen sie mir weder Zucker noch Brot,
ich höre nur alle von ferne.
Sie reden mir zu durch ein gläsernes Tor
und schließlich kommt doch nur mein Schatten hervor
in Begleitung ertrunkener Sterne.
Aber solange ich atme
Auch was
auf der Hand liegt
muß ich
aus der Hand zu geben
bereit sein
und muß wissen
wenn ich liebe
daß es wirklich
die Liebe zu dir ist
und nicht nur
die Liebe zur Liebe zu dir
und daß ich nicht
eigentlich
etwas Uneigentliches will
Aber
solange ich atme
will ich
wenn ich den Atem
anhalte
deinen Atem
noch spüren
in mir
Auf der Heimfahrt nach Ithaka
Zwischen Niewieder
und Immerwieder
das Glück
oder das
was ihm ähnlich sieht
was zurückweicht
beim Näherkommen
aber winkt
als gäbe es es
(als gäbe es dich
als gäbe es mich
als gäbe es
ein Uns-einander-Geben)
Es ist natürlich
leicht erkennbar
als Unglück
aber nur
sekundenlang
nur mit aufgerissenen Augen
die noch brennen
nach einem Blick
auf das Glück
Franz Josef Degenhardt
Tante Th´rese
Deine Schwestern, Tante Th´rese,
waren sämtlich hübsch und grad.
Du warst dafür der Tribut, an
die Dämonenwelt gezahlt.
Dich mit deinen Flammenhaaren,
deinem Feuermal am Kinn,
den unendlich großen Füßen,
nahmen sie als Fügung hin.
Hocktest meistens in der Küche,
hast die Mahlzeiten gemacht.
Und du spültest ihre Schüsseln
während ihrer Hochzeitsnacht.
Du saß´t stundenlang an Wiegen,
summtest, horchtest auf den Wind
und warst selig, wenn sie sagten,
diesmal wäre es dein Kind.
Man ertrug dich, ließ dich leben,
durftest auch vor Türe gehn.
Selbst den Tick an Fronleichnam
haben sie dir fast verziehn. -
War das ehrlich oder Rache,
wenn du die Gardine nahmst,
sie um Kopf und Schultern legtest,
so zur Prozession rauskamst?
Ob man dich auch schlug und einschloß,
spätestens an der Station
in Doktor Stratmanns Blumengarten
knietest du, wenn wir kamen, schon.
Sangst voll Inbrunst Litaneien
oder auch ein Weihnachtslied.
Alle lachten. Doch der Pfarrer
kam zu dir und sang laut mit.
Ja, Tant´Th´rese, deine Schwestern
sind nicht mehr auf dieser Welt.
Ihre Kinder, kühl und freundlich,
zahlen jetzt ein Pflegegeld.
Deren Kinder nämlich - heißt es -
hätten vor dir große Angst,
vor dir, die du allen Kindern
nachts die Angst nahmst, wenn du sangst.
Auch der Pfarrer ist nicht weise,
so, wie es der alte war.
An Fronleichnem treten leise
dicke Männer zum Altar
in Doktor Stratmanns Blumengarten,
drehen dich ganz sanft herum
und bringen dich in der Gardine
zurück ins Sanatorium.
Ja, Tan´t Th´rese, ist schon richtig:
Früher, das ist lange her.
Wie du aussiehst - die Gardine - ,
das darf heute keiner mehr.
Ja, ja, auch der Schnee ist anders,
nicht so weiß wie früher mal.
Herr, erlöse dich und andre
hier aus diesem Jammertal.
Rose Ausländer (1901-1988)
Dich lieben, Lieb ist mehr als Lust und Leid.
Von dir geliebt sein ist ein Schöpfungsakt
urhafter Einung der Verschiedenheit
in eine Strahlung, einen Rhythmentakt.
Erschüttert sucht mein Geist nach einem Bild,
dich darzustellen, wie du Liebe bist.
Doch alles Sein ist so von dir erfüllt,
daß keine Sprache deine Räume mißt.
Nun kann mein Leib in einer Wüste sein:
Mein Herz birgt Wälder deiner Üppigkeit,
und Quellen müssen springen aus dem Stein,
gesprengt vom Herzschlag unsrer Zweisamkeit!
I
Du legst dein Licht in allen Farben
um meine weiße Einsamkeit.
Ich fühle sie an meinen Narben
wie Balsam einer leichten Zeit.
Die Rosen starben meinem Leben,
das sich verschloß vor jeder Hand.
Da kommt dein reines, reiches Geben
in mein verschollnes Trauerland.
Du krönst mein Leid mit Sterndemanten,
und Sonnen deiner jungen Glut
entzünden wieder rot mein Blut.
So ist vielleicht das Blühn entstanden:
Von Gott geküßt, im Ding entbrannt,
und von den Engeln Licht genannt.
Christian Morgenstern
Der Schaukelstuhl
auf der verlassenen Terasse
Ich bin ein einsamer Schaukelstuhl
und wackel im Winde,
im Winde.
auf der Terasse, da ist es kuhl,
und ich wackel im Winde,
im Winde.
Und ich wackel und nackel den ganzen Tag.
Und es nackelt und rackelt die Linde.
Wer weiß, was sonst wohl noch wackeln mag
im Winde,
im Winde,
im Winde.
~~~~~~~~
Das Knie
Ein Knie geht einsam durch die Welt.
Es ist ein Knie, sonst nichts!
Es ist kein Baum! Es ist kein Zelt!
Es ist ein Knie, sonst nichts.
Im Kriege ward einmal ein Mann
erschossen um und um.
Das Knie allein blieb unverletzt -
als wärs ein Heiligtum.
Seitdem gehs einsam durch die Welt.
Es ist ein Knie, sonst nichts.
Es ist kein Baum, es ist kein Zelt.
Es ist ein Knie, sonst nichts.
~~~~~~~~
Möwenlied
Die Möwen sehen alle aus,
als ob sie Emma hießen.
Sie tragen einen weißen Flaus
und sind mit Schrot zu schießen.
Ich schieße keine Möwe tot,
ich laß sie lieber leben -
und füttre sie mit Roggenbrot
und rötlichen Zibeben.
O Mensch, du wirst nie nebenbei
der Möwe Flug erreichen.
Sofern du Emma heißest, sei
zufrieden, ihr zu gleichen.
~~~~~~~~~~
Christine Lavant
Mein Schatten kann über Wasser gehen,
wenn Mond oder Sonne nur richtig stehen,
mein Schatten glänzt dann am Scheitel.
Dieses Glänzen ist feilich bloß eitel
und kann nichts erwärmen, nie leibhaftig sein,
doch manchmal verdankt ihm ein einfacher Stein,
dass er silbern erstrahlt vor den andern.
Mein Schatten geht selbständig wandern,
auch oft in der Nacht aus dem untersten Traum,
mich hängt er dann so wie ein Pferd an den Baum
des Schlafes und läßt mir kein Futter.
Ich schreie um Vater und Mutter,
auch um die Geschwister und um den Tod,
doch bringen sie mir weder Zucker noch Brot,
ich höre nur alle von ferne.
Sie reden mir zu durch ein gläsernes Tor
und schließlich kommt doch nur mein Schatten hervor
in Begleitung ertrunkener Sterne.